Anmerkungen zum Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS)
„Du bist heute wieder unmöglich und nicht zu ertragen!“ Solche oder ähnliche Äußerungen
fallen immer häufiger gegenüber Kindern. Das Problem hat verschiedene Ausmaße, Bezeichnungen
und vielfältige Ursachen. Eltern, Kindergärtnerinnen, Lehrer und Therapeuten werden vermehrt
mit diesen Erscheinungen konfrontiert, oft hilflos und teils überfordert.
„Er gaukelt/und schaukelt/Er trappelt/und zappelt“ – bereits 1844 hat der Nervenarzt
Heinrich Hofmann im „Struwwelpeter“ den Zappelphilipp, den bösen Friedrich und das
ungehorsame Paulinchen beschrieben. Es ist also nicht so, dass wir mit einer neuen
Erscheinung konfrontiert werden.
Jedoch ist auch heute das verhaltensauffällige Kind ein Indikator für ein tiefgreifendes,
gesellschaftliches Phänomen mit großer Vielschichtigkeit, umstrittenen Therapieansätzen und
ohne Patentrezept. Vor 40 Jahren waren in den Schulklassen nur ca. 1-2% Kinder
verhaltensauffällig, heute sind es 10-12%. Etwa ½ Millionen Kinder in Deutschland sind zur
Zeit von Verhaltensstörungen betroffen, die in dieses Bild eingeordnet werden können. Der
Anteil der Jungen beträgt 80%. Gerade sie werden mit diesen Störungen am wenigsten fertig
und gleiten oftmals bei Nichtbehandlung in Sucht oder Kriminalität ab. Dies Phänomen wird
als Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) bezeichnet und ist schwierig
abzugrenzen.
Das Bild vom ADS-Kind zeichnet sich durch die Grundphänomene Hyperaktivität,
Konzentrationsstörungen, erhöhte Ablenkbarkeit, Lernstörungen und psychomotorische Unruhe
aus. Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Gedächtnisbildung können gestört sein. Es
lassen sich die folgenden Symptome beobachten: nichts zu Ende führen, keine Ausdauer haben,
nicht zuhören können, rasch vergessen, nicht aus Fehlern lernen. Mögliche zusätzliche
Störungen können sein: Impulsivität, Wut, Aggression, emotionale Defizite, sich nicht
berühren lassen, soziale Isolation, Bettnässen, Asthma, Neurodermitis, Allergien,
Nasennebenhöhlenentzündung. Die Kinder weisen häufig einen hohen IQ auf, waren als Säuglinge
Schreikinder, im Kindergarten unausstehlich und in der Schule Klassenkasper. Das Schriftbild
ist oft sehr unausgeglichen. Auch eine latente Azidose (Übersäuerung des Organismus) kann mit
ihren Symptomen Hinweise geben. Hierzu gehören Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Unwohlsein,
innere Unruhe, Schlafstörungen, Kopfschmerz, Konzentrationsschwäche, Magenbeschwerden,
Hautreaktionen oder rheumatische Beschwerden.
Zu den Ursachen des Geschehens der Hyperaktivität und ihren Begleitphänomenen gibt es
zahlreiche Theorien und Hinweise. Belastungen vor oder während der Geburt sowie
Sauerstoffmangel und Nebenwirkungen der Wehenmittel gelten als ein Erklärungsansatz. Ein
weiterer Erklärungsversuch ist die Rückführung der Phänomene auf synthetische Zusatzstoffe,
industrielle Nahrungsmittelproduktion und Umweltgifte. Praktische Erfahrungen hinsichtlich
der Ursachenforschung zeigen ebenso eine Milieuentgleisung im Bereich Blut und Darm.
Labilität von Säure-Basen-Gleichgewicht, Elektrolythaushalt und Blutzucker sind maßgeblich
beteiligt. Ein Übermaß an Informationsangebot durch täglich langes Fernsehen, Computer- oder
Gameboy Spiele oder Ähnliches verstärken die Symptome der Hyperaktivität. Hier sind vor allem
die Eltern gefordert, dem Kind Grenzen zu setzen. Ein besonderes Augenmerk ist auch auf die
Eltern-Kind Beziehung zu setzen. Neben rein medizinischen Ansätzen gilt es, auch die Eltern
familientherapeutisch mit in ein gemeinsames Therapiekonzept einzubeziehen.
In den U.S.A. und mittlerweile vermehrt auch in Deutschland werden Psychopharmaka zur
Behandlung von ADS-Kindern eingesetzt, die die Signalübermittlung im Gehirn verbessern und
die gestörte chemische Balance ausgleichen sollen. Sie wirken zwar sehr schnell beruhigend
und ausgleichend, jedoch dauerhaft können solche Psychopharmaka, die mittlerweile auch als
Designerdroge bei Jugendlichen gehandelt werden, keine Lösung sein. Sie haben beträchtliche
Nebenwirkungen und kaschieren die eigentlichen Ursachen. So ist wirklich im Einzelfall deren
Anwendung abzuwägen.
Als vornehmlicher Ansatz ist eine familienbezogene psychologische Beratung zu sehen. Das
Kind darf nicht durch Eltern, Kindergarten, Schule oder Bekanntenkreis in die Isolation
gedrängt werden. Darüber hinaus gilt es das biologische Milieu, besonders des Blutes, des
Darms und der Schleimhäute zu normalisieren sowie Stoffwechselfunktionen zu stabilisieren
und den Säure-Basen Haushalt zu regulieren. Somit ist auch eine dauerhafte Umstellung der
Ernährung und der Lebensweise von Vorteil für das hyperaktive Kind. Erfahrungsheilkunde,
Psychotherapie, Medizin und Pädagogik sollten hier zum Wohle des Kindes und der Eltern
zusammenarbeiten.
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